"Er muss aus der Mannschaft genommen werden." Das Urteil von Jamie Carragher über Florian Wirtz ist unmissverständlich. Nach dem 0:3 des FC Liverpool gegen Manchester City steht der DFB-Star einmal mehr in der Kritik. "Dieser Transfer funktioniert nicht und hat bislang auch nicht funktioniert."
Es ist gerade mal etwas mehr als Woche her, dass die Experten über Wirtz jubelten, ihn hochlobten. Ein Tor und eine Vorlage in einem Spiel, in der Partie darauf sogar Kapitän. Das war im Dress der deutschen Nationalmannschaft. Beim 2:0-Sieg gegen Serbien gelang dem 23-Jährigen ein "fantastischer Abschluss", wie der frühere englische Nationalspieler Gabriel Agbonlahor sagte. "Da hat er eine unglaubliche Cruyff-Drehung gemacht. Und dann hat er den Ball in die Ecke geschoben."
Sobald Wirtz aber das Liverpool-Trikot überstreift, wirkt er wie ein anderer Fußballer. Der frühere Frankfurter Jan Aage Fjörtoft sagte bei ESPN daher schon: "Unglaublich. Es gibt einige Rätsel im Fußball. Die Handspielregel - die werden wir nie mehr verstehen. Und zweitens: Was ist mit Florian Wirtz bei Liverpool los?"
Nach Gelb-Rot vom Trainer geopfert
Auch bei der deutlichen Niederlage gegen Man City musste das wieder konstatiert werden. Statt Ballsicherheit und Dribbelstärke, statt Torriecher und Pässen für seine Mitspieler spielte er wie ein Schatten seiner selbst. In der ersten Halbzeit verlor er satte 16-mal den Ball, so häufig wie kein anderer auf dem Platz. Standards und Pässen fehlt die Präzision, mit der englischen Härte kann Wirtz auch nach einem Jahr nicht besonders gut umgehen.
Zwar lieferte er eine gute Freistoßhereingabe, die Alexis MacAllister nicht verwerten konnte (59.), doch eine Torchance zuvor (55.) vergab er aus 18 Metern deutlich und auch drei seiner vier Flanken kamen nicht mal beim Mitspieler an. Trainer Andoni Iraola opferte den Deutschen aus taktischen Gründen nur wenige Minuten nach der Gelb-Roten Karte gegen Ryan Gravenberch (62.). Startelfdebütant Lewis Koumas durfte dagegen auf dem Platz bleiben. Die BBC urteilte über Wirtz: "Er muss sich einfach steigern, vor allem in Spielen dieser Größenordnung. Er war weitgehend wirkungslos und traf einige schlechte Entscheidungen."
Die Partie gegen Manchester City, das so viel mit dem Skandal abseits des Platzes beschäftigt ist, hätte für Wirtz ein Neuanfang werden können. Mut und Selbstwertgefühl hatte er beim DFB-Team tanken können. Bundestrainer Jürgen Klopp hatte in Richtung Liverpool gesagt: "Sie haben einen Jungen gesehen, der vor Spielfreude sprüht und der bretthart gearbeitet hat." Beim DFB steht er nicht im Dauerfeuer der Kritik, das in England seit seinem Wechsel im Sommer 2025 lodert. Die Summe von 125 Millionen Euro, die Liverpool für ihn investiert hatte, ist für Wirtz allzu schnell von einer Auszeichnung zu einer brutalen Last geworden.
Transfersumme als Bürde
Es war die Transfersumme eines Superstars, also hat Wirtz auch so zu agieren. So die öffentliche Meinung. Carragher etwa urteilte nun: "Ich hatte das Gefühl, Wirtz könnte der Typ Spieler wie Kevin De Bruyne sein. Der Spieler, der für Manchester City in den Titelkämpfen mit Liverpool den Unterschied ausgemacht hat." Es zeigt, wie groß die Fallhöhe ist.

Dass Wirtz diese Summe nicht selbst ausgerufen hat - geschenkt. Dass er mit 23 Jahren immer noch recht jung ist und noch dazu eher schüchtern und leise auftritt - nimmt keiner Rücksicht drauf. Stattdessen Seitenhieb hier, volle Breitseite dort. Die Experten haben sich eingeschossen auf Wirtz.
Der Deutsche wirkt wie ein leichtes Opfer, weder er noch Liverpool wehren sich öffentlich. Falsch ist sie zudem nicht, wenn auch häufig drastisch formuliert. Sky-Experte Thomas Hitzlsperger hatte es schon während des Spiels gegen City geahnt: "Ich bin sicher, über ihn wird wieder viel gesprochen werden", sagte er, "Da waren gute Sachen dabei, aber es war zu wenig." Dabei war Wirtz nicht am Platzverweis von Gravenberch beteiligt und als Offensivakteur auch nicht hauptverantwortlich für die drei Gegentore. Doch Carraghers Aussagen bewiesen Hitzlspergers Vermutung.

Florian Wirtz blüht bei Jürgen Klopp wieder auf
Marktwert fällt seit Liverpool-Start
140 Millionen Euro betrug der Marktwert von Wirtz zu Leverkusener Zeiten vor seinem Wechsel nach Liverpool. Seitdem geht es bergab. Inzwischen beträgt der Marktwert laut transfermarkt.de "nur" noch 85 Millionen Euro, so wenig war er zuletzt im Juni 2023 wert. Er ist damit nach Aleksandar Pavlovic (90 Mio. Euro) immer noch der zweitwertvollste Deutsche im Ranking, 29 Fußballer werden aber mit 100 Millionen Euro oder mehr bewertet - an der Spitze stehen Erling Haaland und Lamine Yamal mit jeweils 220 Millionen Euro.
Es ist die Konsequenz aus Wirtz ausbleibenden Leistung. Bei bislang 56 Pflichtspiel-Einsätzen für die Reds kommt er nur auf sieben Tore und elf Vorlagen - in dieser Saison steht er nach sieben Spielen gerade mal bei einer Torvorlage aus dem 2:2-Remis gegen Nottingham Forest. Der Trainerwechsel von Arne Slot auf Iraola hat bislang nicht den erhofften Aufschwung gebracht.

Wirtz tanzt im Chancenfeuer: DFB-Elf wie ausgewechselt
Bis 2030 läuft Wirtz' Vertrag beim FC Liverpool. Bei all der Kritik scheint es ausgeschlossen, dass er wirklich so lange bleibt. Aber was ist die Alternative? Die Top-Klubs werden nicht gerade Schlange stehen bei einem Spieler, der massiv unter Druck steht und sich das offenbar zu Herzen nimmt. Zurück nach Deutschland? Der FC Bayern -bei dem der Druck nicht geringer ist - hatte um Wirtz gebuhlt, war aber bekanntlich ausgestochen worden. Inzwischen hat sich die Lage beim deutschen Rekordmeister geändert, mit Michael Olise, Luis Diaz Jamal Musiala, Lennart Karl und Serge Gnabry ist die Offensive prächtig bestückt.
Geht es nach Carragher, kann nur einer Wirtz noch retten: "Die einzige Hoffnung ist jetzt, dass Jürgen Klopp den Arm um ihn legt", bei ihm habe er schließlich "besonders gut" gespielt. Doch Klopp ist bekanntlich längst nicht mehr bei Liverpool aktiv.



