Wendekreis wie ein KleinwagenNeuer Renault Trafic E-Tech wird innovativ, komfortabel und lautlos
Von Patrick Broich, Hannover
Fast ein Jahr schon ist es her, als Renault erstmals zeigte, wie sich die Franzosen einen innovativen elektrischen Transporter vorgestellt haben. Jetzt ist der E-Trafic auch für die Öffentlichkeit zugänglich im Rahmen der IAA Transportation 2026.
Es war zunächst ein Wirrwarr: Renaults neuer elektrischer Transporter sollte kein reines Renault-Projekt werden, sondern unter drei verschiedenen Labels auf den Markt kommen. Aus einem gemeinsamen Joint Venture von Renault, Volvo Trucks und dem französischen Logistiker CMA CGM entstand die neue Marke Flexis - verantwortlich für ein elektrisches Utility. Mittlerweile hat Renault Flexis allerdings übernommen, die Company ist 100 Prozent Konzerneigentum. Auch wenn man auf der Flexis-Website derzeit noch futuristische Fahrzeuge findet - ob der Trafic als Flexis kommt, sei dahingestellt. Als fertiges Vehikel, in dem man auch wirklich erstmals Platz nehmen kann, kommt er jedenfalls von Renault. Und bestellbar wird er dann auch in Kürze sein.
Und was man da jetzt anfassen, fühlen und sehen kann, ist tatsächlich eine kleine Revolution. Den Transporter sexy zu machen, war wohl Renaults Plan, wobei der Hersteller in dieser Disziplin noch Kia und Hyundai als Gegenspieler hat. Denn auch die Koreaner versehen ihre Nutzfahrzeuge mit futuristischem Design ganz nach dem Motto: "Warum sollte ein Arbeitsgerät langweilig sein?"
Doch die Franzosen treiben es auf die Spitze. Schon aus der Ferne fällt der Trafic E-Tech auf, vor allem mit dem schwarz glänzenden Bereich unterhalb der Windschutzscheibe. Dort befinden sich die Tagfahrlichter als Rahmen für die ebenfalls illuminierte Renault-Raute samt zweier beleuchteter Streifen. Fancy. Dazu gesellen sich eigenwillig gestaltete Außenspiegel sowie eine spannend gestaltete, nach hinten ansteigende Fensterlinie.
Apropos: Aktuell zeigen die Franzosen nur Exemplare mit komplett geschlossener Kabine sowie Sonderaufbauten, aber es gilt als sicher, dass auch der Personentransporter folgt.
Erster 800-Volt-Transporter
Eine kleine Revolution im Kontext mit dem Trafic gibt es dann an anderer Stelle. Renault führt mit dem Transporter noch vor den Personenwagen 800 Volt ein, wenn man einmal vom extrem raren Turbo 3E absieht. Und damit dürfte der Hersteller wohl als erster in Europa einen schnellladenden Transporter im Programm haben, wenngleich Kia mit dem ebenfalls gerade debütierenden PV7 nachzieht. Allerdings rollt der auf einer komplett neuen Skateboard-Plattform basierende und daher besonders flexible Franzose schon Anfang 2027 zu den Händlern.
Das erstmals bei Renault mit deutlichem Software-Schwerpunkt entwickelte Fahrzeug könnte künftig mit spannenden Branchen- und Flottenlösungen aufwarten. Dazu zählen Dinge wie Integration von Flotten-IT, Lieferwegoptimierung oder vorausschauende Wartung. Doch dass Renault im Begriff war, mit dem neuen Trafic auch aus der Hardware-Perspektive betrachtet kräftig zu optimieren, sieht man schon auf den ersten Blick ziemlich gut.
Der in zwei Längen (4,87 sowie 5,27 Meter) lieferbare Transporter bleibt unter 1,90 Meter hoch, was ihn auch für Parkhäuser zugänglich macht. Noch beeindruckender aber ist der Wendekreis von 10,3 Metern - damit unterbietet der Transporter sogar manchen Kleinwagen. Europaletten lassen sich dank breiter Türöffnung auch seitlich einladen, das Ladevolumen beträgt bis zu 5,8 Kubikmeter - und die Nutzlast rangiert bei knapp 1,3 Tonnen. So weit, so üblich. Doch es gibt noch so manches Schmankerl.
Denn dank 800-Volt-Bordnetz soll der 81 kWh große NMC-Akku binnen 20 Minuten von 15 auf 80 Prozent geladen werden können - kein Bestwert, aber im Arbeitseinsatz schon ordentlich und sowieso besser als heute auf dem Markt verfügbare Produkte. Die Reichweite beziffert Renault mit 450 Kilometern, wobei das ein eher theoretischer Wert sein dürfte.
Immerhin könnte sich das Reichweitenmanagement praktisch gestalten mit einem Navigationssystem, das sowohl Fahrzeuggewicht als auch Topografie berücksichtigt. Es wird übrigens auf einem großen Zentraldisplay ausgespielt. In Tateinheit mit dem weiteren großen Screen als Kombiinstrument erzeugt der Innenraum des neuen Trafic einen Hauch von Personenwagen-Flair, wie die erste Sitzprobe bestätigt.
Gefahren wurde hier und heute natürlich noch nicht, aber bestimmte technische Merkmale lassen auf einen für das Segment ordentlichen Komfort hoffen. Dazu zählt beispielsweise eine Multilenker-Hinterachse. Zur Preisfrage äußert sich Renault zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Allerdings weisen die Franzosen auf ihrer Website darauf hin, dass die Unterhaltskosten zehn Prozent unter denen eines vergleichbaren Verbrenner-Transporters liegen sollen. Bei den aktuellen Spritpreisen auch kein Wunder. Es bleibt also auch bei Renault spannend.