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Deutsche im polnischen LodzWenn Familien- auf Weltgeschichte trifft

01.11.2026, 12:11 Uhr b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390Von Hubertus Volmer
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Blick auf den Plac Wolności, den Freiheitsplatz von Lodz. In den Erzählungen von Elsa war es ein fast magischer Ort. (Foto: picture alliance / Visually)

Vor dem deutschen Überfall auf Polen war die Stadt Lodz eine multiethnische Welt, in der Polen, Deutsche und Juden lebten. In Lodz war es bis 1939 egal, ob man Paul oder Paweł hieß.

Die Erforschung der eigenen Familiengeschichte liegt schon seit einigen Jahren im Trend. Viele Menschen wollen wissen, was Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern in der Zeit des Nationalsozialismus getan haben. Es gibt Bücher und sogar Kurse, die helfen, die eigene Familiengeschichte zu erkunden.

Für die meisten bleibt es beim flüchtigen Interesse. Wie spannend es sein kann, intensiv einzusteigen, zeigt das Buch "Elsa Welt" von Andreas Kossert. Elsa, das ist Kosserts Großmutter, die 1915 in der Nähe der polnischen Stadt Lodz zur Welt kam. Ohne die Stadt zu verlassen, lebten Elsa und ihre Familie in völlig unterschiedlichen Ländern: Bis 1918 gehörte Lodz zum russischen Zarenreich, danach zur Zweiten Polnischen Republik. 1939 teilten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion Polen unter sich auf. Lodz kam unter deutsche Herrschaft, bis die Stadt im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

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Das Foto zeigt Else und Paul Kossert zum Zeitpunkt ihrer Verlobung 1935 oder kurz darauf auf dem Plac Wolności in Lodz. (Foto: Privatsammlung Andreas Kossert)

All das lässt sich schnell zusammenfassen und erzählt doch rein gar nichts über die Geschichten, die dahinterstecken. So wechselten die Herrschaften, aber Lodz war immer eine polnische und zugleich multiethnische Stadt. Mit der Industriellen Revolution erlebte sie einen so starken Boom, dass die Stadt "polnisches Manchester" genannt wurde. Wohnten Ende des 18. Jahrhunderts gerade mal 200 Menschen in Lodz, waren es eine halbe Million, als Elsa auf die Welt kam.

Paul oder Paweł?

Auch aus deutscher Perspektive ist Lodz besonders: Die Stadt lag nicht in Ostpreußen, nicht in Pommern und nicht in Schlesien; sie gehörte weder 1914 noch 1939 zu Deutschland und war nach dem Zweiten Weltkrieg keines der Gebiete, die "unter polnischer Verwaltung" oder "unter sowjetischer Verwaltung" standen, wie die "Ostgebiete" in westdeutschen Schul-Atlanten jahrzehntelang markiert waren.

Lodz war polnisch, und dennoch machten Deutsche in dieser Stadt zeitweise zwei Drittel der Bevölkerung aus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren die Hälfte der Einwohner ethnische Polen, etwa ein Drittel waren Juden, 15 Prozent waren Deutsche.

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Elsa, um deren Welt es in Kosserts Buch geht, sprach Lodzerdeutsch, einen schlesischen Dialekt, der mit polnischen und jiddischen Wörtern gespickt war, wie der Historiker schreibt, dazu Polnisch und Russisch. Als die Nazis ihre Stadt übernahmen, ließen sie und ihr Mann Paul sich in die "Volksliste" eintragen, mit der die Besatzer ein rassistisches Apartheid-System errichteten. Aber sie taten es ohne Begeisterung. Paul hatte vor dem Einmarsch der Deutschen seine Briefe mit "Paweł" unterzeichnet, auf seinen Fuhrwerken stand "Paweł Kossert", weshalb die Nazis ihm vorwarfen, "verpolt" zu sein. Für die deutsche Wehrmacht musste er trotzdem kämpfen - nachdem er zuvor im selben Krieg in der polnischen Armee gedient hatte.

Aus vollem Herzen "Jeszcze Polska nie zgineła"

Die aus heutiger Sicht fremde, damals jedoch selbstverständliche Identität als Deutsche in Polen ist es, die das Buch so faszinierend macht. "Noch heute habe ich das Bild vor mir, wie Paul und Else mir die polnische Nationalhymne beibrachten", schreibt Andreas Kossert. "Wir waren im Esszimmer, und sie, die beiden musikalisch völlig Unbegabten, sangen diese aus vollem Herzen. Dabei hatten sie Tränen in den Augen. Jeszcze Polska nie zgineła - 'Noch ist Polen nicht verloren'."

Kossert ist professioneller Historiker, zudem Fachmann für die Geschichte Polens wie auch für die der deutschen Vertriebenen. Auf der Suche nach den Wurzeln seiner Familie hat er Archivalien ausgegraben, die Laien kaum entziffern könnten, geschweige denn finden würden. Das hat ihm nicht nur dabei geholfen, seine Vorfahren bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen.

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Der Plac wolnosci auf einem Bild, das vor dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurde. (Foto: picture alliance / Arkivi/akpool GmbH)

Es hilft auch dem Buch: Kossert kann erklären, warum Deutschen in Polen bis heute szwaby genannt werden, er bettet die kleinen Geschichten in die große Geschichte ein. Aber von der ersten bis zur letzten Seite ist es trotzdem vor allem die Geschichte seiner Oma. Auf keiner Seite scheut sich Kossert, seine emotionale Nähe zu ihr zu zeigen. Durch ihre Augen erzählt er auch vom Getto, in das die Deutschen die Lodzer Juden einpferchten, von Terror, Deportation und Mord. Nur wenige der mehr als 200.000 Jüdinnen und Juden, die vor dem Krieg in Lodz gelebt hatten, überlebten den Holocaust.

Vertriebene zweiter Klasse

Die Verbindung von großer Geschichte und persönlicher Perspektive macht das Buch so wertvoll. Niemand muss sich dafür interessieren, warum Kosserts Vorfahren Anfang des 19. Jahrhunderts aus Preußen nach Polen kamen. Aber ihre Mobilität ist kein Einzelfall - Kossert zeigt, wie verbreitet Migration schon damals war. Es ist sympathisch, dass der Historiker sich bei der Ausbreitung von Stammbäumen und Archivalien nicht bremsen lässt. Und vermutlich wird er verzeihen, wenn man an einigen Stellen trotzdem etwas schneller liest oder weiterblättert.

Und doch wird niemand das Buch ungelesen weglegen - dafür erzählt Kossert viel zu bewegend vom Schicksal dieser "Grande Dame" aus Lodz, die 1946 aus ihrer geliebten Heimat nach Westen fliehen muss, nach Deutschland, in ein Land, das sie noch nie gesehen hatte, in dem sie ein Flüchtling zweiter Klasse war - vertrieben aus Polen, nicht aus den "Ostgebieten". Sie war ein Opfer der Rache, die Polen nach dem Krieg nahmen. Und doch war ihr offenbar immer klar, dass es Deutsche waren, die ihr Lodz vernichtet hatten.

Für Kosserts Großeltern blieb Lodz immer die Heimat. Am Ende ihres Lebens litt Elsa unter Demenz. Aus dem Heim, in dem sie lebte, lief sie regelmäßig davon, erzählt ihr Enkel. Wenn Polizisten sie fanden und fragten, wohin sie denn wolle, antwortete sie immer: "Nach Hause", nach Lodz.

Quelle: ntv.de

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