Panorama

Krebs als KonflikterlebnisschockGermanische Neue Medizin - eine Lehre, die Leben kostet

01.11.2026, 10:41 Uhr imageVon Fabian Maysenhölder
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"Krebsheiler" Ryke Geerd Hamer musste sich deutlich mehr als einmal vor Gericht verantworten - hier im August 1997 in Köln. (Foto: picture-alliance / dpa)

Krebs als ungelöster Seelenkonflikt: Das lehrte der ehemalige Arzt Ryke Geerd Hamer. Seit Jahrzehnten bezahlen Menschen diese Idee mit ihrem Leben.

"Ich gehe jetzt nicht mehr zur Brustkrebsvorsorge" - das ist ein Satz, den eine Frau sagt, die nach Recherchen des BR an einem Seminar in einer Paracelsus-Heilpraktikerschule teilgenommen hat. Ein Seminar, das sich ausdrücklich auch an Menschen richtet, die selbst therapeutisch - also zum Beispiel als Heilpraktiker - arbeiten. "Germanische Heilkunde - Krankheiten verstehen lernen und auflösen", nennt sich dieser Kurs, der Inhalte der "Germanischen Neuen Medizin" (GNM) vermittelt. 

Und in diesem kurzen Satz der Teilnehmerin steckt eigentlich schon alles drin, was an dieser Lehre so gefährlich ist. Denn sie ist alles andere als wirkungslos - sie wirkt nur nicht im herkömmlichen Sinne. Sie wirkt nicht durch das, was getan wird, sondern durch das, was Menschen ihretwegen unterlassen. Die Anhängerinnen und Anhänger der GNM verehren ihren Begründer Ryke Geerd Hamer bis heute als einen der größten Entdecker der Menschheitsgeschichte. Fakt ist aber, dass es zahlreiche Berichte über Todesfälle gibt, die im Zusammenhang mit den Behandlungsmethoden stehen, die Hamer proklamiert hat. Doch was genau verbirgt sich dahinter? 

Der Traum von der neuen Krebstherapie

Die Geschichte der Germanischen Neuen Medizin beginnt mit einem Trauma: Im Sommer 1978 wird Dirk Hamer vor einer kleinen Insel zwischen Korsika und Sardinien von einer Kugel getroffen. Dirk überlebt, aber schwer verletzt. Wenige Monate später stirbt der junge Mann, nach Angaben seines Vaters - Ryke Geerd Hamer - in seinen Armen. Nur wenig später wird bei Ryke Geerd Hamer selbst Hodenkrebs diagnostiziert, den er sich operativ entfernen lässt.

Hamer, selbst approbierter Arzt, konstruiert aus diesen beiden Ereignissen einen Zusammenhang, der die GNM begründen sollte. Sein Sohn habe sie ihm in Träumen bestätigt: Seine Krebserkrankung sei auf einen schweren psychischen "Konflikterlebnisschock" zurückzuführen, den er nach seinem Sohn "Dirk-Hamer-Syndrom" nennt. 1981 macht er seine Theorien öffentlich, zunächst unter dem Namen "Neue Medizin".

Durch dieses persönliche Trauma entsteht die Grundannahme der Germanischen Neuen Medizin. Nach Hamers Lehre entsteht jegliche Krankheit aus einem "biologischen Konflikt", also einem Schock, der eine Person unvorbereitet trifft. Löst die betroffene Person diesen Konflikt, beginne eine Heilungsphase. Und hier wird es heikel: Denn bleibende oder gar sich verschlimmernde körperliche Symptome werden in dieser Lesart als Zeichen der Besserung gedeutet, als Teil des Heilungsprozesses. Schwellungen, Fieber, Schmerzen oder gar wachsende Tumore gelten in dieser Phase als Zeichen der Genesung. Man kennt dieses Konzept auch aus esoterischen oder homöopathischen "Heilungssystemen", in denen man von einer "Erstverschlimmerung" spricht. Wer sich also schlechter fühlt, ist in dieser Logik auf dem besten Weg.

Es kann nur besser werden

Was hier entsteht, ist ein System, das keine Fehler kennt: Wenn es einer Person besser geht, funktioniert die GNM. Wenn es ihr schlechter geht, ist sie gerade im Prozess der Heilung. Kurz: Die GNM hat immer recht. Selbst wenn es zum Äußersten kommt und eine Person stirbt, kann man dies erklären: Entweder war der Konflikt nicht wirklich gelöst, oder man zieht die "Schulmedizin" heran, die in dieser Lesart dann durch ihre Diagnose einen weiteren Schock ausgelöst hat, der nicht korrekt bearbeitet wurde. Es gibt keinen denkbaren Krankheitsverlauf, der die GNM widerlegen könnte. Und das wiederum ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man es nicht mit evidenzbasierter Medizin oder Wissenschaft zu tun hat, sondern mit einem in sich geschlossenen, unangreifbaren Glaubenssystem.

Immer wieder kommt es zu Fällen, die Hamer medienwirksam ins Gespräch bringt. Insbesondere der Fall Olivia Pilhar sorgte 1995 für Schlagzeilen: Bei der damals Sechsjährigen wird ein Nierentumor diagnostiziert, der bei Kindern eigentlich behandelbar ist. Und hätten ihre Eltern zügig einer evidenzbasierten medizinischen Behandlung zugestimmt, hätten ihre Heilungschancen nach Einschätzung von Fachleuten bei über 90 Prozent gelegen. Aber es kommt anders: Die Eltern vertrauen dem vermeintlichen Wunderheiler Hamer. Ihnen wird schließlich gerichtlich das Sorgerecht entzogen, sie fliehen mit dem Kind nach Spanien. Der Tumor wächst auf rund vier Kilogramm an. Schließlich greifen spanische und österreichische Behörden und Gerichte ein, das Kind wird einer vernünftigen medizinischen Behandlung unterzogen - und überlebt glücklicherweise.

Olivias Eltern werden in Österreich zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Gegen Hamer ergeht ein Haftbefehl, dem er sich in Spanien entzieht. Und im Fortgang zeigt sich die Unangreifbarkeit des Weltbildes ganz konkret: Die Familie Pilhar hat sich keineswegs von den Lehren Hamers distanziert. Der Vater, Helmut Pilhar, vermarktete die GNM bis zu seinem Tod 2022; seine Videos kursieren bis heute. Leider endet nicht jede Geschichte so glimpflich - es gibt Dutzende Berichte über Menschen, die gestorben sind, weil sie sich mit schweren Erkrankungen der GNM anvertraut haben.

Hamer im Visier der Justiz

Schon vor Olivias Fall hat sich die Justiz mit Hamer auseinandergesetzt. 1986 wird ihm die Approbation entzogen, weil ihm das Gericht eine "wahnähnliche Gewissheit" bescheinigte, seine Erkenntnisse seien unantastbar. Schon damals warf man ihm vor, was sich bewahrheiten sollte: Es bestehe die Gefahr, dass er Krebskranke von erfolgversprechender, evidenzbasierter Behandlung abhält. 1997 verurteilt ihn das Amtsgericht Köln zu 19 Monaten Haft, weil er ohne Zulassung drei todkranke Krebspatienten behandelt hatte. Es folgen weitere Verfahren in Frankreich, ein Leben im spanischen Exil, später in Norwegen. Am 2. Juli 2017 stirbt er mit 82 Jahren.

Die lebenslange Abweisung machte Hamer zu schaffen. Er fühlte sich und seine vermeintlich bahnbrechenden Erkenntnisse von der Welt ignoriert - weshalb er Anfang des Jahrtausends seine Lehre mit weiteren Inhalten füllt, die dieses Mal vor allem antisemitischer Natur sind. Um seine Lehre von anderen vermeintlich alternativen Heilmethoden abzugrenzen, nennt er sie ab etwa 2002 "Germanische" Neue Medizin. Die evidenzbasierte Medizin sei eine jüdisch geprägte. Juden, davon ist er überzeugt, würden verdeckt seine Methoden anwenden, um sich selbst zu retten, wohingegen alle anderen mit Chemotherapie und Morphium allmählich ausgelöscht würden. Das Muster ist nicht neu: Schon die Nazis stellten der angeblich "verjudeten" Schulmedizin eine "Neue Deutsche Heilkunde" entgegen. Hamers GNM knüpft - bis in den Namen hinein - an genau diese Erzählung an.

Das Ganze ist mehr als bloße Senilität oder Spinnerei eines alternden Mannes. Man kann den Antisemitismus als die logische Fortführung eines Systems deuten, das, wie beschrieben, nicht scheitern kann. Denn wenn die Lehre stimmt, sie aber niemand anerkennt - dann muss irgendjemand die "Wahrheit" unterdrücken. Und dafür steht mit den Juden ein uraltes Feindbild bereit.

Wer stirbt, ist selbst schuld

Warum aber zieht die GNM - und mit ihr auch viele andere vermeintlich alternative Heilmethoden - überhaupt Menschen an? Ganz sicher beantworten lässt sich so eine Frage nie. Aber es liegt nahe, dass die Antwort in der Kontrolle liegt, die diese Systeme vermitteln. Die evidenzbasierte Medizin antwortet auf Diagnosen mit Wahrscheinlichkeiten, Überlebensraten - und bei schweren Krankheiten und deren Behandlungen auch mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen. Ehrlich, aber oft unbefriedigend. Die GNM hingegen bietet in ihrer Lehre eine Antwort auf das Warum, sie gibt - vermeintlich - Kontrolle zurück, wenn sie sagt: Dein Körper reagiert auf etwas Konkretes, das dir passiert ist. Denn das heißt: Es ist verstehbar. Es ist lösbar.

Das Spannende ist, dass diese Idee nicht "neu" ist: Die Frage, warum ein Mensch leidet, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Im biblischen Buch Hiob sitzen drei Freunde neben dem kranken Hiob und haben eine passende Erklärung parat: Wer leidet, muss irgendwo selbst die Ursache in sich oder seiner Biografie haben. Die Erzählung lässt sie damit scheitern. Nein, Hiob hat nichts in seinem Leben, das für sein Leiden verantwortlich ist.

Die GNM hat sich, wenn man so will, auf die Seite dieser drei Freunde geschlagen. Sie verpackt es in eine verschleiernde Sprache, die von ungelösten Konflikten und Lösungen spricht. Die Konsequenz ist aber so hart wie grausam. Wer nicht gesund wird, hat seinen Konflikt nicht gelöst. Kurz gesagt: Die Schuld wandert hin zu dem, der eh schon leidet. Im schlimmsten Fall bis zum Tod.

Quelle: ntv.de

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