Hamburg & Schleswig-HolsteinDer "100-Sorten-Baum": Apfel-Vielfalt im Norden

Im Garten des Nordkollegs in Rendsburg trägt ein Baum mehr als 100 Apfelsorten – Gärtner Jochen Bock pflegt diesen mit Leidenschaft und erklärt, wie solche Vielfalt an einem einzigen Baum möglich ist.
Rendsburg (dpa/lno) - Im schleswig-holsteinischen Rendsburg liegt verborgen ein Paradies: der naturbelassene Vorgarten des Nordkollegs. Seit 35 Jahren hütet Gärtner Jochen Bock diese grüne Oase, in deren Mitte an einem einzigen Baum eine kleine Apfelplantage wächst. Mehr als 100 Sorten sind dort vereint.
"Ich hatte das Problem, wir haben nicht mehr genug Platz im Garten und ich wollte unbedingt viele Äpfel sammeln", sagte Bock der Deutschen Presse-Agentur. Gerade historische Sorten seien ihm dabei wichtig gewesen, auch um diese zu erhalten. "Dann habe ich eben mit Regionalsorten angefangen und so ging das dann los."
Zunächst habe er in einem Winter den Baum zurückgeschnitten und 50 Sorten auf diesem Wachsen lassen. "Das war der Schleswig-Holstein Baum", erklärte der 58-Jährige. Nun sei er erweitert worden zum "100-Sorten-Baum". Ob Holsteiner Cox, Klausdorfer Häger oder Müschens Rosenapfel - insgesamt hingen derzeit sogar 103 Sorten in dem Baum. Eigentlich seien es 106, aber drei seien gestorben und kommen laut Bock im Winter wieder an den Baum.
Wie ein Baum unterschiedliche Sorten tragen kann
Im Januar schneidet der Gärtner auf den Streuwiesen der Region Triebe. "Die kommen in ein feuchtes Tuch und werden dann in der Tupperdose im Kühlschrank gelagert - bis Mitte April", erklärte Bock. Spielt das Wetter mit, scheint die Sonne und klettern die Temperaturen auf etwa 15 Grad, werden sie auf dem Baum "veredelt". Dafür löst man die Rinde an und setzt einen Schnitt in T-Form. Dort kommt der Trieb hinein und wird mit Baumwachs und Bastband fixiert.
"Schön ist es, wenn die Veredelungsstellen schon im Winter zurückgeschnitten werden, dass man im April schon mal vorbereitete Äste hat von mehreren Zentimetern Durchmesser", führte Bock aus. Die Krux sei, dass der "100-Sorten-Baum" ein "Spaßbaum" sei. Demnach sei ein richtiger Obstbaumschnitt nicht mehr möglich, dennoch müsse der Baum regelmäßig zurückgeschnitten werden, damit er vital und jung bleibt.
Ansonsten führe dies dazu, dass die wachsenden Äpfel immer kleiner werden. So müsse von jeder Sorte etwas zurückgeschnitten werden, damit auch in die unteren Partien noch genügend Licht fällt. Wäre der Baum allerdings größer, würden auch mehr Sorten auf ihn passen. "Wenn wir hier auf dem Gelände einen größeren Apfelbaum hätten, wären es vielleicht auch 200 Sorten geworden", so Bock.
Klimawandel macht sich bemerkbar
So sehr der Gärtner seinen geliebten Apfelbaum auch pflegt: Der "100-Sorten-Baum" spürt die steigenden Temperaturen des Klimawandels. Nach Bocks Angaben waren einige Apfelsorten wegen des heißen Sommers in diesem Jahr bereits 14 Tage früher reif als sonst. Auch die Äpfel könnten Sonnenbrand bekommen. "Der Holsteiner Cox hat eine kleine braune Stelle - zu viele Tage über 30 Grad", erklärte er.
"Man kann heute noch nicht sehen, welche Sorten in Zukunft gut gehen", betonte Bock. Einige Sorten würden vielleicht verschwinden. Deshalb müsse die Vielfalt erhalten bleiben. Viele Sorten und damit ein großer Genpool müssten daher bewahrt werden.