HessenNS-Raubkunst: Ausstellung in Marburg zu Spurensuche

250 Gemälde werden in einem Marburger Museum daraufhin untersucht, ob es sich eventuell um NS-Raubkunst handelt. Eine Schau zeigt nun erste Ergebnisse – und Spuren, die zu früheren Besitzern führen.
Marburg (dpa/lhe) - "Wem gehör(t)en die Werke?" - mit dieser Frage hat sich die Provenienzforscherin Susanne Ehlers in den vergangenen zweieinhalb Jahren im Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Marburger Philipps-Universität auf Spurensuche begeben. Erste Ergebnisse ihrer Forschung sind ab diesem Freitag (6. November) bis 4. April 2027 in einer Ausstellung in dem Museum zu sehen.
250 Gemälde werden untersucht
Für manche Werke, die während der NS-Zeit 1933 bis 1945 erworben wurde, sei ihre Herkunft nicht einfach zu klären. Ehlers untersucht nach Angaben der Universität rund 250 Gemälde aus dem Bestand des Museums daraufhin, ob es sich um Kulturgüter handele, die den Eigentümern bedingt durch die NS-Verfolgung entzogen wurden. Um die Herkunft der Werke festzustellen, schaute sich Ehlers beispielsweise Schriftzeichen, Stempel oder Ziffern an, die auf der Rückseite der Gemälde zu finden sind, erläuterte eine Sprecherin der Universität.
Erste Kontakte zu Nachfahren früherer Eigentümer
Insgesamt umfassen die Sammlungen des Marburger Kunstmuseums weit mehr als 20.000 Objekte, darunter ca. 1.360 Gemälde. Bislang haben die Wissenschaftlerin und das Team des Museums drei Gemälde und eine Grafik als mögliche Fälle von NS-verfolgungsbedingtem Entzug identifiziert, hieß es, darunter drei Werke des aus Nordhessen stammenden Malers, Hochschullehrers und Kunstschriftstellers Carl Bantzer.
Für die beiden Gemälde "Schwälmer Bauern vor der Kirche" und "Blick aus dem Walde" habe man bereits Kontakt zu den Nachfahren der früheren Eigentümer und damit zu den legitimen Erben herstellen können. Darüber hinaus lägen Hinweise auf zwei weitere Verdachtsfälle vor, deren rechtliche Bewertung aber noch ausstehe.
Museumsdirektor sichert Restituierung zu
"Die Bilder werden auf der Grundlage der Marburger Forschungsergebnisse vom Land Hessen restituiert", erklärte Museumsdirektor Christoph Otterbeck laut Mitteilung. "Die rechtmäßigen Erbinnen und Erben allein entscheiden dann, was mit den Gemälden geschieht."
Die Ausstellung erzählt auch Geschichten hinter den Werken - und will damit auch zeigen, wie Provenienzforschung funktioniert. So würden Methoden und Indizien der Spurensuche erläutert, so dass Besucherinnen und Besucher die Perspektive von Forschenden kennenlernen. Dafür werden fünf Untersuchungen beispielhafter Kunstwerke detailliert vorgestellt.
Minister sieht Grundlage, um Unrecht aufzuklären
Provenienzforschung bedeute mehr als die Rekonstruktion von Besitzverhältnissen, erklärte Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD). "Sie schafft die Grundlage, Unrecht aufzuklären und gerechte und faire Lösungen zu ermöglichen." Die Arbeit von Ehlers verdiene große Anerkennung. "Sie zeigt, wie wichtig es ist, die Geschichte unserer Sammlungen kritisch zu erforschen und die Menschen hinter den Kunstwerken wieder sichtbar zu machen." Das Forschungsprojekt zur NS-Raubkunst wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert.