Macht Macht wirklich böse?Warum ein längst widerlegtes Psycho-Experiment bis heute fasziniert
Von Hedviga Nyarsik
Ein Kellergefängnis, grausame Wärter, gebrochene Gefangene: Jahrzehntelang gilt das Stanford-Prison-Experiment als Beleg, dass Menschen durch Macht zu Tätern werden. Nun lässt Netflix die berüchtigte Studie als Reality-Show wiederauferstehen. Die Faszination bleibt, obwohl die alte Lesart bröckelt.
Es gehört zu den berühmtesten - und umstrittensten - Experimenten der Psychologie: 1971 ließ der Psychologe Philip Zimbardo im Keller der Stanford University ein Gefängnis nachbauen. Junge Männer wurden per Zufall zu Wärtern oder Gefangenen erklärt. Schon nach 6 statt der geplanten 14 Tage wurde das Experiment abgebrochen: Einige "Wärter" behandelten ihre Mitstudenten zunehmend grausam, mehrere "Gefangene" reagierten mit starker psychischer Belastung. Die eingängige Botschaft lautete später: Gib ganz normalen Menschen Macht über andere und die Situation kann sie zu Tätern machen. Eine neue Netflix-Serie rückt das Experiment jetzt erneut ins Rampenlicht.
Aus der wissenschaftlichen Studie wird dieses Mal allerdings eine Reality-Show, die ausschließlich zur Unterhaltung dient. Trotzdem steht im Zentrum erneut die Frage: Was macht Macht mit gewöhnlichen Menschen? Verändert eine Position mit Autorität das Verhalten? Ordnen sich Menschen der ihnen zugewiesenen Rolle unter? Oder behalten sie ihre eigenen moralischen Grenzen bei?
Netflix versteht das Format dabei ausdrücklich nicht als exakte Wiederholung der berüchtigten Studie: So sind es nicht ausschließlich männliche College-Studenten und es gibt auch ein Safeword. Die Show kommt bei den Zuschauerinnen und Zuschauern sehr gut an - in der ersten Woche nach Veröffentlichung schauten sie weltweit bereits mehr als 2,6 Millionen Menschen. Schließlich möchte man wissen: Endet auch diese Version wie die letzte? Werden die Machthabenden auch dieses Mal zu Tätern?
Studienleiter Zimbardo wirkte aktiv mit
Dabei ist die berühmte Interpretation des Originals längst schwer angeschlagen. Der französische Forscher Thibault Le Texier wertete für eine 2019 im Fachjournal "American Psychologist" veröffentlichte Analyse Archivmaterial aus und interviewte 15 damalige Teilnehmer. Sein Befund: Die "Wärter" waren keineswegs sich selbst überlassen worden. Sie erhielten konkrete Anweisungen dazu, wie sie mit den Gefangenen umgehen sollten. Auch die Datenerhebung sei lückenhaft und verzerrt gewesen. Zudem seien die Teilnehmer offenbar längst nicht so vollständig in ihren Rollen aufgegangen, wie es die spätere Erzählung nahelegte.
Hinzu kommt: Studienleiter Zimbardo war nicht nur neutraler Beobachter seines Experiments. Er übernahm selbst die Rolle des Gefängnisleiters und wirkte damit aktiv an der Situation mit. Dass die Wärter vorbereitet und angeleitet wurden, hatte Zimbardo später sogar selbst beschrieben. Einige der damaligen "Gefangenen" berichteten zudem, ihre Verzweiflung zumindest teilweise übertrieben zu haben. Das macht es Fachleuten zufolge schwierig, aus dem Versuch abzuleiten, Menschen würden allein durch die ihnen zugewiesene Rolle beinahe automatisch grausam.
Leute schocken
Trotzdem hält sich das Stanford-Prison-Experiment hartnäckig in Lehrbüchern, Dokumentationen und der Popkultur. Für David Kaposi, Psychotherapeut und Psychologie-Dozent an der Open University, hat das auch mit der Zeit zu tun, in der solche Versuche entstanden sind. Die Ergebnisse "stammen aus dem sogenannten goldenen Zeitalter der amerikanischen Sozialpsychologie, etwa von den 1950er bis in die frühen 1970er Jahre", schreibt der Experte auf der Wissenschaftsplattform "The Conversation". Damals hätte eine ganze Reihe Sozialpsychologen mit spektakulären Experimenten untersucht, wie stark Gruppen, Autoritäten und soziale Situationen das Verhalten gewöhnlicher Menschen beeinflussen können.
Das vielleicht bekannteste Beispiel neben Stanford stammt von Stanley Milgram. Anfang der 1960er Jahre glaubten Versuchspersonen an der Yale University, einem anderen Menschen bei falschen Antworten immer stärkere Elektroschocks zu versetzen. Die Schocks waren nicht echt, der vermeintliche Empfänger war eingeweiht. In der ursprünglichen Versuchsanordnung gehorchten 65 Prozent der Teilnehmer bis zum Ende und verabreichten schließlich den vermeintlich maximalen Stromstoß von 450 Volt. Auch diese Versuche wurden später methodisch und in ihrer Interpretation stark kritisiert.
"Engagierte" statt blinde Gefolgschaft
Die klassische Erklärung "Menschen gehorchen einer Autorität oder fügen sich ihrer sozialen Rolle" ist inzwischen ebenfalls umstritten. Die Sozialpsychologen Alexander Haslam und Stephen Reicher argumentieren etwa, Teilnehmer folgten Autoritäten nicht einfach blind. Entscheidend könne vielmehr sein, dass sie sich mit deren Zielen identifizieren und glauben, für eine richtige oder wichtige Sache zu handeln. Sie nennen das "engagierte Gefolgschaft". In ihrer 2002 durchgeführten "BBC Prison Study" wurden Männer ebenfalls zufällig zu Wärtern und Gefangenen gemacht. Doch die Wärter identifizierten sich kaum mit ihrer Rolle und wurden auch nicht tyrannisch - im Gegenteil. Sie setzten ihre Macht nur zögerlich ein und verloren schließlich die Kontrolle an die Gefangenen.
Haslam und Reicher zufolge ist die einfache These "Macht macht Menschen böse" damit nicht haltbar. Ob Personen in einer bestimmten Situation grausam oder gehorsam handeln, hängt demnach nicht allein von ihrer Rolle ab. Auch ihre eigenen Überzeugungen, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Erwartungen der Menschen um sie herum würden ihr Verhalten beeinflussen.
Andere Fachleute sehen das ähnlich, einige verteidigen aber auch die Ergebnisse von Zimbardo, Milgram und Co. Einen Konsens, wie nun die alten Experimente am besten zu deuten sind, gibt es bis heute nicht. Fest steht aber: Als unumstößlicher Beweis dafür, dass praktisch jeder Mensch unter den richtigen Umständen zwangsläufig zum Täter wird, taugt das Stanford-Prison-Experiment nicht. Warum fasziniert uns das Experiment dann trotzdem?
Für Psychologe Kaposi liegt die Antwort gerade in der unangenehmen Frage, die nach aller Kritik übrig bleibt: Warum sind Menschen überhaupt bereit, anderen zu schaden, wenn eine Situation sie dazu ermutigt? Die Versuche hätten zwar nicht beweisen können, dass jeder zwangsläufig durch Macht korrumpiert wird. Sie zeigten aber, dass manche Menschen unter sozialem Druck Grenzen überschreiten - obwohl sie sich grundsätzlich auch widersetzen könnten, schreibt Kaposi. "Das offenbart etwas Monströses über gewöhnliche Menschen - über uns alle."