Reisners Blick auf die Front"Für Putin gibt es keine Tabus mehr"
Interview: Frauke Niemeyer
Drei große russische Rechenzentren gehen in Flammen auf, zugleich muss die Ukraine erleben, wie sich die USA immer deutlicher abwenden. Oberst Reisner erklärt ntv.de, was das bedeutet.
ntv.de: Herr Reisner, in den vergangenen Tagen sind den Ukrainern mehrere Angriffe auf Rechenzentren des russischen Tech-Riesen Yandex gelungen. In sozialen Medien werden weitreichende Folgen gemeldet. Stimmen Sie zu?
Markus Reisner: Seit dem 9. Oktober wurden Yandex-Rechenzentren in Kaluga, Wladimir und Sasowo angegriffen, drei von fünf Zentren sind damit beschädigt, die auch als Trollfabriken gedient haben könnten. Es kursieren Meldungen im Netz, dass Likes für Institutionen, die in Europa spalterisch wirken sollen, merklich zurückgegangen sind. Noch ist das aber nicht bestätigt. Es soll weniger Unterstützung für die MAGA-Bewegung von US-Präsident Donald Trump geben, weniger Aktivität von ukrainekritischen Accounts, die vorgeben, aus Polen zu kommen. Aber wie gesagt, nachgewiesen ist das noch nicht.
Unabhängig von der Frage, ob beobachtete Rückgänge tatsächlich durch die Yandex-Attacken verursacht wurden: Wie stark werden Social Media Debatten auch in Deutschland nicht von lebenden Personen, sondern von - russischen - Bots geführt?
Russland greift ganz massiv auf Trollfarmen zurück, das ist ein ganzes Ökosystem, das mit 1000 Trollen mehr Wirkung erzielt als mit 100.000 Soldaten. Darum arbeiten auf russischer Seite drei Geheimdienste - der militärische GRU, der Inlandsgeheimdienst FSB und der Dienst für das Ausland, SVR - sowie das Außen- und das Verteidigungsministerium daran, die öffentliche Meinung in Europa zu beeinflussen. Der Kreml will Europas Stabilität und Moral untergraben. Datenzentren sind dabei ein wichtiges Werkzeug, wenn tausende Computerprogramme gezielt und gleichzeitig prorussische Inhalte liken, positiv kommentieren oder selbst erstellen.
Welchen Effekt hat das?
Über die Likes wird der Inhalt nach oben gespült, also mehr Nutzern angeboten. Russland arbeitet viel mit verdeckten Medienkampagnen, das sind quasi Informationsbomben. Wenn allerdings die dafür notwendigen Datenzentren per Luftangriff lahmgelegt werden und es keine Redundanzen gibt - also Ersatzkapazitäten, die dann genutzt werden könnten - dann können die automatisierten Social-Media-Aktivitäten von Propaganda-Accounts und Botfarmen davon genauso betroffen sein, wie zum Beispiel ganz normaler Suchmaschinen-Traffic.
Wie schnell werden die Russen den Ausfall der Rechenzentren kompensieren können?
China, Nordkorea und auch einige andere Staaten unterstützen den Kreml recht offen. Der kann also auch auf Rechenzentren im befreundeten Ausland umziehen und sich deren Kapazitäten bedienen. Das ist in der Vergangenheit schon öfters passiert. Das Trollökosystem sucht sich wie Parasiten neue Wirte und fährt mit seinen Desinformationskampagnen fort.
Parallel zu den Yandex-Angriffen ging es auch auf der diplomatischen Bühne hoch her.
Ja, Donald Trump wendet sich offen Kreml-Chef Wladimir Putin zu und vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ab. Trump und Selenskyj haben sich nie wirklich gut verstanden, doch nun schließt der US-Präsident einen Diesel-Deal mit dem Kreml ab, verkündet eine Energie-Waffenruhe und fordert Selenskyjs Ablösung als Präsident der Ukraine. Die jüngere Vorgeschichte hierzu spielt in gleich mehreren Verhandlungen zwischen den US-Gesandten Jared Kushner und Steve Witkoff auf der einen und Kreml-Vertretern auf der anderen Seite. Dabei ging es um wirtschaftliche Vorteile für die USA. Die Europäer und die Ukrainer waren Zuschauer. Von den Entscheidungen der letzten Tage schienen die Ukrainer teils so überrascht zu sein, dass sie gar nicht glauben konnten, was gerade passiert.
Das sorgt dann für viel Wirbel, aber wie hart sind die realen Konsequenzen - etwa aus dem Diesel-Geschäft?
Wenn die Russen bis zu 4.8 Milliarden Liter, also 4.8 Millionen Tonnen Diesel an die Amerikaner liefern oder auch auf den Weltmarkt bringen dürfen, spült das massiv Geld in die Kriegskasse, die die Kriegsmaschinerie in Betrieb hält. Noch ein Aspekt der Kushner/Witkoff-Gespräche muss uns Sorgen machen: Beide sollen vorgeschlagen haben, falls die Ukrainer nicht nachgäben, könnten die USA als Druckmittel die Zieldaten der US-Satellitenaufklärung verwehren. Wenn die ukrainische Armee diese Positionsdaten der US-Satelliten nicht mehr bekommen sollte, dann wäre sie nicht mehr in der Lage, mit der aktuellen Präzision und Schlagkraft russische Ziele anzugreifen. Der Druck auf Russland ließe spürbar nach.
Die US-Daten werden schon seit Jahren als entscheidender Faktor im Krieg gehandelt. Gibt es inzwischen Redundanzen? Haben die Europäer an möglichem Ersatz der US-Daten gearbeitet?
Nationen wie Frankreich und Großbritannien können einen Teil kompensieren, aber nicht in vergleichbarem Umfang mit dem, was die USA an Daten bereitstellen.
Und Palantir? Die Ukrainer nutzen die Analyseplattformen Maven und Prisma von Palantir. Da fließen auch Daten von Drohnen, Sensoren, abgehörter Kommunikation mit ein. Können diese Informationen Satellitenaufklärung in Teilen ersetzen?
Leider nein, Maven agiert vor allem auf Basis dieser Satellitendaten, um zum Beispiel russische Fliegerabwehrstellungen zu lokalisieren und günstige Flugrouten für ukrainische Drohnen zu bestimmen. Prisma analysiert einfliegende Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen der Russen und errechnet die optimale Einsatzmöglichkeit für die spärliche ukrainische Fliegerabwehr. Ohne die Satellitenaufklärung der USA würden wir die Erfolge ukrainischer Luftschläge gegen Infrastruktur auf russischem Territorium so nicht mehr sehen. Noch haben die USA diesen Datenfluss nicht gekappt. Trump droht jedoch derzeit damit, bei anhaltendem ukrainischem Beschuss der russischen Energieinfrastruktur würde er das Beschaffungssystem PURL, über das die Ukraine international mit Waffen versorgt wird, einstellen. Mit aller Macht versucht Trump, auf die Ukrainer einzuwirken - schon jetzt ein ziemliches Worst Case Szenario. Allerdings….
Allerdings?
An dieser Stelle würde ich gern noch einen Punkt anmerken mit Blick darauf, wie bereitwillig wir die US-Haltung als das größte Übel identifizieren: Allein in den vergangenen neun Monaten haben die Europäer über 7,9 Milliarden Euro für russisches LNG bezahlt. Die anhaltenden Importe russischen Flüssiggases untergraben die Glaubwürdigkeit der EU, wenn sie verspricht, ihre Energiebeziehungen zu Moskau abzubrechen. In diese Wunde muss ich einen Finger legen. Und die Produktion von Fliegerabwehr bleibt gegenüber den USA weit zurück.
In den vergangenen Tagen häuften sich erschütternde Meldungen über russische Angriffe auf Zivilisten in der Ukraine - zwei attackierte Busse in Kramatorsk mit 30 Todesopfern, ein Wohnhaustreffer mit 20 Toten.
Offensichtlich hat Putin entschieden, dass es keine Tabus mehr gibt mit Blick auf Luftangriffe. Dazu werden schnellfliegende Geran-Drohnen mit Jetantrieb eingesetzt, ballistische Raketen und Marschflugkörper - ein Dreieck des Terrors. Neben den für die Stromversorgung essentiellen Umspannwerken, auf die gezielt wird, um der Bevölkerung das Überleben im Winter zu erschweren, geht es derzeit auch gegen Tankstellen, Supermärkte, Brücken, Eisenbahnen oder Wohnanlagen. Da an der Front kaum Erfolge zu erzielen sind, versucht Putin die Ukrainer über Angriffe auf die Bevölkerung in die Knie zu zwingen.
Sollten wir also die Daumen drücken, dass Trumps Vorstoß, es gebe nun einen Waffenstillstand für Energie-Infrastruktur, Realität wird? Mindestens die Ukrainer schienen davon nichts zu wissen und die Russen bomben weiter. Kann das trotzdem etwas werden?
Zunächst hat Selenskyj Trump aus einer gewissen Wut heraus vorgeworfen, er spiele Putin in die Hände. Daraufhin forderte Trump die Ukraine auf, Präsidentschaftswahlen abzuhalten. Selenskyj konterte, die Ukraine würde Wahlen abhalten, sobald Putin einer 60-tägigen Waffenruhe zustimme. Das ist der jetzige Stand. Dieser Tage wird die Doppelstrategie der USA sichtbar.
Welche?
Einerseits die wichtige Lieferung von Zieldaten, mit denen Kiews Truppen Ziele in Russland angreifen können. Andererseits das Vorenthalten von Patriotmunition, mit der die Ukrainer besser durch die Wintermonate kommen könnten, obwohl es die Zusage gab, dass die Ukrainer die Munition in Lizenz selbst fertigen dürften. Die Zusage wird nicht umgesetzt. Bei dieser Doppelstrategie, die Druck auf Moskau und auf Kiew ausübt, hat Trump nun den Druck auf Kiew deutlich erhöht. Er will Selenskyj dazu bringen, dass der tut, was er will. Trump ist der Königsmacher und setzt Kiew unter Druck, um ein Ergebnis zu bekommen, das er den US-Wählern noch vor den Midterms, den amerikanischen Zwischenwahlen, verkaufen kann. Er will behaupten können, er habe nun den nächsten Konflikt befriedet. Wir Europäer hingegen wurden wieder überrascht.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer