"Vollständig außer Betrieb"Russischer Tech-Player Yandex unter Beschuss
Von Artur Weigandt
Drei russische Rechenzentren nacheinander in Flammen - es trifft Datenbanken, Handelsketten, Medienseiten. Der Dienstleister Yandex präsentiert sich als Opfer, aber ohne Täter.
Am Sonntagabend wendet sich ein Manager an die Öffentlichkeit auf X in einer Weise, die man von russischen Großkonzernen sonst nicht kennt. "Hallo an alle, Ich bin Dima Pirogow", beginnt der Thread auf dem Konto von Yandex, Pirogow leitet nach eigenen Angaben das Fintech-Geschäft. Am Morgen sei "noch ein Rechenzentrum" beschädigt worden, "das Haus unserer Dienste". Viele Kunden könnten seitdem weder ihren Kontostand sehen noch bezahlen oder Geld überweisen. Das Geld sei sicher, schreibt er, keine Buchung verloren. Wann es wieder zugänglich sein wird, könne er nicht sagen. Dann entschuldigt er sich.
Ein Wort, das in dem Thread fehlt, ist "Drohne". Und es fehlt "Ukraine".
Die ukrainischen Angriffe beginnt in der Nacht zum 8. Oktober in Sassowo, einer Kleinstadt im Gebiet Rjasan, rund 300 Kilometer östlich von Moskau. Dort betreibt Yandex seit 2014 ein Rechenzentrum für Zehntausende Server, untergebracht in ehemaligen Hallen des Werkzeugmaschinenwerks Sasta. Das Werk beliefert die Rüstungsindustrie und steht unter Sanktionen. Ob die Drohnen dem Werk, dem Rechenzentrum oder beiden galten, ist bis heute unklar. Es brennt, der Betrieb wird vollständig eingestellt. Am Abend teilt Yandex mit, man könne noch nicht sagen, ob sich die Technik überhaupt wiederherstellen lasse.
In Sassowo stehen zwei der drei Supercomputer, mit denen Yandex sein Sprachmodell YandexGPT trainiert, "Ljapunow" und "Tscherwonenkis", der leistungsstärkste des Konzerns. Über ihren Zustand schweigt das Unternehmen.
In der Nacht zum 9. Oktober folgt Kaluga, das größte Rechenzentrum des Konzerns im Industriepark Grabzewo. Mehrere Module seien "vollständig außer Betrieb", erklärt Yandex. In der Nacht zum 11. Oktober trifft es Wladimir. Auch dort meldet Yandex Cloud den vollständigen Stillstand, die Plattform arbeite im Notbetrieb. In Wladimir steht auch der dritte Supercomputer, "Galuschkin". Ob er betroffen ist, ist nicht bekannt.
Drei von fünf großen Standorten in vier Tagen: Yandex hat seine Rechenzentren inzwischen auf dem eigenen Kartendienst unkenntlich gemacht, wie das Exilmedium "Werstka" bemerkte. Yandex ist für Russland mehr als eine Suchmaschine. Der Konzern bringt Menschen mit dem Taxi zur Arbeit, liefert Lebensmittel, streamt Filme und Musik, steuert über die Sprachassistentin Alissa das smarte Zuhause und verwaltet über Yandex Pay das Geld seiner Kunden. Dazu kommt Yandex Cloud, auf der Tausende fremde Firmen ihre Dienste betreiben. Westliche Anbieter haben sich wegen der Sanktionen weitgehend zurückgezogen, viel Auswahl haben russische Kunden nicht.
Nach Sassowo traf es zunächst vor allem diese Firmenkunden. Cloud-Speicher, Datenbanken, Yandex Disk und Yandex Dokumente fielen aus, das Immobilienportal Cian war stundenlang nicht erreichbar. Am Nachmittag des 8. Oktober brachen dann landesweit Dienste ein: Banken wie T-Bank und Alfa-Bank, die Bahn, Handelsketten, Medienseiten. Downdetector zählte an einem Tag rund 130.000 Beschwerden. Wie viel davon auf Sassowo zurückging, ist allerdings unklar. Zur selben Zeit hatte der DDoS-Schutzanbieter Qrator nach eigener Darstellung einen Konfigurationsfehler, auch beim Cloud-Anbieter Selectel gab es Probleme. Bis zum Abend lief das meiste wieder.
Der 11. Oktober war anders. Am Sonntagmorgen ließen sich Yandex Go, Yandex Eda, Kinopoisk (das russische Netflix), die Videokonferenz Telemost und das smarte Zuhause nicht mehr bedienen, dazu Apps von Fremdfirmen wie Dodo Pizza und Lamoda. Vor allem aber Yandex Pay. Die App zeigte nur noch einen Hinweis: Auch Yandex Pay habe sein Zuhause, ein Rechenzentrum von Yandex, man mache eine "kleine Pause". Nutzer berichteten, dass Überweisungen über das Schnellzahlsystem SBP in der Schwebe hingen und sie ihre Kredite nicht bedienen konnten. Am Sonntagabend war der Dienst nach Angaben des Portals kod.ru seit mehr als 18 Stunden nicht verfügbar.
Kaum brannte es in Sassowo, kursierte eine zweite Erzählung: Die Ukraine habe nicht einfach ein Rechenzentrum getroffen, sondern russische Botfarmen, die Infrastruktur der Desinformation also. Die Geschichte ist verführerisch, sie macht aus einem Angriff auf zivile Dienste einen Schlag gegen die Propagandamaschine. Belegt ist sie nicht. Weder Kyjiw noch die OSINT-Kanäle, die den Angriff zuerst meldeten, sprechen von Botfarmen. Andrij Kowalenko, der frühere Leiter des ukrainischen Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation, reklamierte den Schlag für die Ukraine, als Botschaft: Das Spiel könnten auch zwei spielen. Präsident Selenskyj begründete ihn mit Vergeltung für die russischen Angriffe auf ukrainische Rechenzentren. Als mögliches militärisches Ziel nannten Beobachter das Sasta-Werk, nicht irgendwelche Server.
Auszuschließen ist es nicht, dass Propagandanetzwerke auch Rechenleistung bei Yandex Cloud mieten. Wer in Russland Server braucht, hat kaum eine andere Wahl. Aber Botfarmen funktionieren gewöhnlich anders: gemietete virtuelle Server bei vielen Anbietern, Proxys, Regale voller Telefone. Gezielt treffen lässt sich so etwas mit einer Drohne kaum. Solange niemand konkrete Belege vorlegt, ist die Botfarm-Version vor allem eines: eine Geschichte.
Ein Opfer, aber kein Täter
Yandex kommuniziert mit großer Vorsicht. Am Morgen des 8. Oktober sprach der Konzern zunächst nur von einem "Vorfall", später von einem Drohnenangriff. Woher die Drohnen kamen, sagt er nicht. Stattdessen Bilder von Häusern und Herzen: Das Rechenzentrum sei das "Zuhause" der Dienste, schreibt Pirogow, Yandex Cloud nennt die Standorte in einem Blogeintrag das "eiserne Herz" des Konzerns. Ein Unternehmen, das jahrelang versucht hat, unpolitisch zu wirken, inszeniert sich als Opfer, aber eines ohne Täter.
Die Rolle wird angenommen. An der Fassade der Sberbank in Moskau erscheint ein Schriftzug zur Unterstützung von Yandex, Pirogow dankt für die "guten Worte" der Kunden. Die Aktie verlor nach dem ersten Angriff an der Moskauer Börse mehr als drei Prozent.
Gleichzeitig sichert sich der Konzern juristisch ab. Nach einem Bericht von RBK hat Yandex seine Vertragsbedingungen geändert und einen Abschnitt über "höhere Gewalt" eingefügt, der die Haftung bei Drohnenangriffen und Beschuss ausschließt. Vor den Angriffen gab es diesen Passus nicht. Betroffen sind potenziell viele: Yandex Cloud zählte zur Jahresmitte 64.000 Kunden, 36 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Wie viele davon die Angriffe zu spüren bekamen, sagt das Unternehmen nicht. Um sie zu halten, hat Yandex mit Konkurrenten vereinbart, mit den Kundendiensten vorübergehend auf deren Infrastruktur umzuziehen, berichtet The Insider.
Wie lange das dauern wird, ist offen. Der Telegram-Kanal "Время госзакупок" prognostiziert, die zerstörten Standorte ließen sich nicht vor 2028 ersetzen, und zwar weniger wegen der Sanktionen als wegen des weltweiten Mangels an Speicherchips und KI-Beschleunigern. Der Chef des Speicherherstellers Micron erklärte, die Produktion für 2027 sei bereits verkauft, Kunden verhandelten schon über 2028. In sozialen Netzwerken wurde daraus schnell die Meldung, Yandex habe selbst eingeräumt, vor 2028 nichts reparieren zu können. Das hat der Konzern nicht getan. Andere Einschätzungen sprechen von Wochen bis Monaten.
Seit Ende September hat Russland in der Ukraine Rechenzentren von mindestens acht Firmen beschädigt oder zerstört, darunter Parkowyj und Datagroup in Kyjiw. Moskau begründete das damit, dort würden Aufklärungsdaten für die ukrainische Armee verarbeitet. Selenskyj sagt, man antworte immer mit Gleichem. Ein russischer Militärblogger schrieb nach dem zweiten Angriff, Russland sei auf einen "Krieg der Rechenzentren" nicht vorbereitet. Seit Montag kehren die Dienste nach Angaben von Yandex schrittweise zurück, einige Funktionen fehlen weiterhin. Der Konzern verspricht, nicht aufzuhören, bis alles wieder läuft. Eine Frist nennt er nicht.