BayernWie ein Schausteller einen Scheunen-Fund zum Denkmal machte

Das Karussell "Fahrt ins Paradies" auf der Oidn Wiesn ist vor allem für Nostalgiker etwas Besonderes. Das liegt nicht nur an seinem stattlichen Alter von fast 90 Jahren.
München (dpa/lby) - Wenn Gerlinde und Winfried Brenner etwas Besonderes auf der Wiesn suchen, kommen sie an dem Fahrgeschäft "Fahrt ins Paradies" nicht vorbei. "Da werden wir uns jetzt bestimmt fünf Fahrten gönnen", kündigt Gerlinde Brenner an. Die "Fahrt ins Paradies" ist eine Berg- und Talbahn aus dem Jahr 1939, bis zu 40 Kilometer pro Stunde schnell, mit Platz für 32 Menschen - und sie steht unter Denkmalschutz.
Schon seit 2010 dreht das Karussell auf der Oidn Wiesn seine Runden - dank der Hingabe von Toni Schleifer und seiner Familie. Die Oide Wiesn befindet sich auf dem Südteil des Festgeländes und ist der Teil des Volksfestes, der als besonders traditionell gilt. Anders als im übrigen Teil des Festgeländes müssen Besucher hier Eintritt zahlen (vier Euro pro Ticket). Dafür kosten die nostalgischen Fahrgeschäfte nur 1,50 Euro.
"So was habe ich vorher in meinem Leben noch nie gesehen"
"Wir können die Menschen auf dem Karussell in eine andere Welt entführen", sagt der 57-jährige Schleifer, dessen Familie seit fast 150 Jahren im Schausteller-Geschäft tätig ist. Gebaut wurde sein Karussell im Jahr 1939 von der Firma Friedrich Heyn aus Neustadt an der Orla - der ersten Karussellfabrik der Welt, wie Schleifer erklärt. Seit 2025 steht die "Fahrt ins Paradies", die bis heute im originalen Auslieferungszustand ist, auf Initiative des Schaustellers unter Denkmalschutz - nach Schleifers Angaben als erstes und bislang einziges mobiles Fahrgeschäft in Deutschland.
Noch heute erinnert sich der Schausteller gerne an den Tag zurück, als er im Jahr 2003 über Umwege auf das Fahrgeschäft aufmerksam wurde. Den Scheunenfund habe er damals vom Sohn des verstorbenen Erstbesitzers erworben. "Wie wir das Ding gefunden haben, war mir ja nicht klar, was das ist. So was habe ich vorher in meinem Leben noch nie gesehen". In den folgenden sieben Jahren restaurierte er das Karussell dann liebevoll.
Eigentlich sollte die Berg- und Talbahn eines Tages in einem Schausteller-Museum stehen. Doch dann sei die Stadt Düren auf ihn zukommen und habe ihm angeboten, das restaurierte Fahrgeschäft auf der hiesigen Annakirmes im Jahr 2010 zu präsentieren. Dafür habe er damals großen Zuspruch bekommen. "Und das passte einfach wunderbar zusammen, dass im selben Jahr halt auch das Münchner Oktoberfest 200 Jahre Jubiläum feierte", erzählt Schleifer. Das Jahr war der Startpunkt für die "Oide Wiesn" - und so sei eins zum anderen gekommen.
"Oide Wiesn" als perfekte Kulisse
Gerlinde und Winfried Brenner schätzen die entspanntere Atmosphäre, die Nostalgie und die Gemütlichkeit dort, etwas abseits des Rummels auf dem großen Oktoberfest. "Ich mein, es geht immer alles Richtung modern, Richtung schneller, höher, weiter und hier werden halt die Traditionen noch hochgehalten", sagt Winfried Brenner. "Es ist mehr etwas fürs Herz", fügt Gerlinde Brenner hinzu.
Aus dem Museumszelt ertönt bayerische Volksmusik. "Proschd mitnander!", ruft ein Musiker den Gästen zu, die statt Glaskrügen Steinkrüge in die Höhe halten. Vor dem Zelt spielen drei Männer auf hölzernen Drehorgeln fröhliche Melodien. Immer wieder halten Besucher inne, um der Musik zu lauschen.
Saxofon-Einlagen vom Chef persönlich
Um die "Fahrt ins Paradies" auch heute so authentisch wie möglich zu gestalten, legt Schleifer unterdessen Platten auf, die aus seiner eigenen Sammlung stammen - vor allem Schlager aus alten Zeiten. Und immer mal wieder gibt der leidenschaftliche Musiker an seinem Fahrgeschäft auch eine Einlage auf dem Saxofon zum Besten. "Es begeistert mich immer weiter, deshalb betreiben wir auch das Karussell, weil die Besucher geben einem auch sehr viel zurück. Diese Freude, die überträgt sich auch auf uns".
Nach vier Berg- und Talrunden ist die "Fahrt ins Paradies" für Gerlinde und Winfried Brenner zu Ende. "Ich bin zwanzig Jahre jünger, traumhaft", sagt Gerlinde Brenner. Am liebsten wäre die 70-Jährige noch weitergefahren, aber: "Jetzt mussten wir den Platz frei machen. Die anderen wollen auch mal fahren". Das Karussell "Fahrt ins Paradies" wird an diesem Abend aber noch viele weitere Runden drehen. Gerlinde und Winfried Brenner in den nächsten Tagen gewiss auch.