Rheinland-Pfalz & SaarlandEin gutes Storchenjahr – aber kein Grund zum Aufatmen

Rheinland-Pfalz meldet mehr als 700 Brutpaare. Nun zieht der große Vogel mit den roten Beinen und dem langen Schnabel nach Süden – und trifft auf Strommasten, Müll und verlorene Lebensräume.
Bornheim (dpa/lrs) - Gute Nachricht für Klapperschnäbel: Für die Weißstörche in Rheinland-Pfalz war 2026 ein gutes Jahr. Mehr als 700 Brutpaare wurden vom Team der Aktion PfalzStorch gezählt, auch der Bruterfolg fällt nach ersten Einschätzungen deutlich besser aus als in den beiden Vorjahren.
Doch für viele der majestätischen Tiere beginnt jetzt eine riskante Phase. "Mit dem Flug in den Süden startet für Jungstörche ein großes Abenteuer - aber eben auch eine Zeit mit erheblichen Gefahren", sagt Simone Friedrich, die neue Leiterin des Storchenzentrums Bornheim.
Dass die Tiere jetzt aufbrechen, hat weniger mit dem nahenden Herbst als mit dem Futter zu tun. "Störche schauen nicht auf den Kalender und auch nicht auf das Thermometer", erklärt Friedrich. Entscheidend sei das Nahrungsangebot.
Lebensgefährliche Nahrungssuche
Wenn Regenwürmer, Insekten und andere Beutetiere im Spätsommer schwieriger zu finden seien, machten sich vor allem die Jungstörche auf den Weg. "Altvögel folgen häufig etwas später."
Wohin die Reise geht, lässt sich bei vielen Tieren genau verfolgen. Rund 150 Jungstörche aus dem Umfeld der Aktion PfalzStorch sind dieses Jahr mit Beinsendern ausgestattet worden. "Damit können wir mehr sehen als früher", schildert Friedrich. Während herkömmliche Ringe Informationen nur liefern, wenn ein Vogel tatsächlich abgelesen wird, schicken Sender regelmäßig Positionsdaten. "Wir können Zugrouten nachvollziehen, Rastplätze erkennen und sehen, wo die Tiere Nahrung suchen."
Für Störche aus Rheinland-Pfalz führt die Reise häufig über die sogenannte Westroute. Sie zieht sich über Frankreich und Spanien bis zur Straße von Gibraltar und weiter nach Nord- und Westafrika. "Die Tiere suchen unterwegs Landschaften auf, in denen sie möglichst viel Nahrung finden." Feuchtgebiete, Seen und bewässerte landwirtschaftliche Flächen seien wichtige Rastplätze.
Manchmal landen Störche dort, wo Nahrungssuche gefährlich werden kann: etwa auf Mülldeponien. "Das ist ein großes Problem", sagt Friedrich. Schnüre, Gummiringe und andere Abfälle würden von den Tieren aufgenommen. "Sie fressen diese Dinge und verhungern anschließend trotz eines vollen Magens."
"Das erste Jahr ist eine enorme Herausforderung"
Noch größer sei eine andere Gefahr. "Der Stromtod ist nach wie vor eines der größten Probleme." Ungesicherte Masten und Freileitungen könnten für Störche zur lebensbedrohlichen Falle werden. Hinzu kämen Kollisionen mit Verkehr sowie der Verlust geeigneter Lebensräume und regional die Bejagung. "Gerade für Jungstörche ist das erste Jahr eine enorme Herausforderung."
Das zeigen die Überlebensraten. Während nach Schätzungen rund 80 Prozent der erwachsenen Störche ein weiteres Jahr erreichen, können im ersten Lebensjahr etwa 60 Prozent der Jungvögel verloren gehen. "Wer die erste kritische Phase übersteht, hat deutlich bessere Chancen", schildert Friedrich.
Bangen um Rocky
So gilt als nicht ausgeschlossen, dass ein Stromschlag auch Rocky aus Freinsheim zum Verhängnis wurde, dessen Aufwachsen im Sommer von Tausenden Tierfreunden über eine Storchenkamera verfolgt wurde. Das letzte Lebenszeichen von ihm, das auch über die App "Animal Tracker" verfolgt werden konnte, stammt demnach vom 20. August aus der 1.200 Kilometer entfernten spanischen Provinz Saragossa am Fluss Ebro.
Es sei möglich, dass es beim Aufsuchen des Schlafplatzes auf einem der dortigen Masten zu einem Stromschlag kam, dem sowohl Sender als auch Storch zum Opfer fielen, vermutet Wolfgang Fiedler, der Leiter der Zentrale für Tiermarkierungen in Radolfzell, die zum Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie gehört. Dies sei zwar nur eine Spekulation, allerdings seien "die Chancen inzwischen nicht mehr sehr groß, dass der Vogel einfach nur in einem Funkloch sitzt und plötzlich wieder auftaucht".
Wettlauf ums Überleben
"Leider ist die Zahl der Verluste weiter gestiegen, es sind wohl 15 tote Jungstörche zur Zeit", teilte die Aktion PfalzStorch am 22. September mit. Wie viele der Jungstörche, die 2026 in Rheinland-Pfalz geschlüpft sind, eines Tages zurückkehren, ist offen. "Wir dürfen leider nicht erwarten, dass wir im kommenden Frühjahr alle wiedersehen", sagt Friedrich. Viele Jungvögel blieben mehrere Jahre im Süden, bevor sie erstmals ein Brutrevier suchten.
Für Friedrich richtet sich der Blick deshalb nicht nur auf die Gefahren unterwegs, sondern auch auf Rheinland-Pfalz. "Wenn wir wollen, dass die Störche wiederkommen, müssen wir ihnen hier etwas bieten." Nahrungsreiche Wiesen- und Kulturlandschaften seien entscheidend. Der Weißstorch sei mehr als nur eine einzelne geschützte Art. "Wo es dem Storch gut geht, geht es meistens auch vielen anderen Tieren und Pflanzen gut."
Das erfolgreiche Storchenjahr ist für Friedrich ein Grund zur Freude - aber kein Anlass, sich zurückzulehnen. "Mehr als 700 Brutpaare sind eine wunderbare Nachricht", sagt sie. "Aber ein gutes Jahr ist keine Garantie für die Zukunft." Während die Menschen in Rheinland-Pfalz den Spätsommer genießen, beginnt für die Störche die große Reise - und für viele ein Wettlauf ums Überleben.